Der Hund ist aber nicht wie in der Beschreibung – ein Tierschutzhund kommt an!




Neben Hundeschule und Hundepension haben Martin und ich nun auch schon einige Jahre Tierschutz auf dem Buckel. Auch unsere Bande kommt größtenteils aus dem Süden. Aber oft gestaltet sich die Übergabe des neuen Hundes gar nicht so einfach. An solche Sätze wie:

  • der sieht aber ganz anders aus als auf den Fotos
  • den hatte ich mir echt größer vorgestellt
  • das Fell sah auf den Fotos viel weicher aus

haben wir uns schon gewöhnt.  Jeder, der einen Hund via Internet adoptiert, sollte sich bewusst machen, dass Fotos oft eine andere Größe suggerieren oder auch Farbabweichungen vorkommen. Und es ist menschlich, dass wir mit dem Foto gewisse Wunsch-charaktereigenschaften verbinden, die der Hund möglicherweise nicht hat. Schuld ist dann der "Tierschützer" ;-).

Auch Martin hat unseren Duffy bei  der Abholung nicht erkannt. Wir hatten ein Bild von einem Hund mit schwarzen Locken. Duffy wurde aber vor dem Transport komplett geschoren.  Außerdem hatte Duffy keinen Schwanz. Das haben wir auf den Bildern nicht gesehen. Unser Gehirn geht aber serienmäßig davon aus, dass Hunde einen Schwanz haben. Natürlich hat Martin Duffy trotzdem mitgenommen und ihn  nicht „reklamiert“ und „umgetauscht“ (Und ja, es gibt Menschen, die den „bestellten“ Hund nicht mitnehmen, weil sie sich den Hund anders vorgestellt haben.).

Schwerwiegender als das Äußerliche ist ein Anruf nach 1-2 Tagen: „ Sie haben im Internet geschrieben, dass der Hund fröhlich und aufgeschlossen ist. Seit seiner Ankunft sitzt er aber wie ein Häufchen Elend  in der Ecke und hat Angst. Nur nachts bewegt der Hund sich und in die Wohnung macht er auch! Das haben wir uns so nicht vorgestellt. Den müssen sie zurück nehmen.“


Kann sich ein Hund so verändern?

Jetzt nehmen wir ganz bewusst mal die schwarzen Schafe der Tierschutzvereine aus, die irgendwelche Fantasiebe-schreibungen ins Netz stellen und den Hund noch nie gesehen haben. Gehen wir wirklich mal davon aus, dass der Hund gewissenhaft beschrieben wurde und im Tierheim oder in der Tötungsstation freundlich und neugierig war.

Das, was einen Hund in einen Schockzustand versetzen kann, ist der Transport und die neue Umgebung:

  • der Hund wird plötzlich aus der gewohnten Umgebung – seinem zu Hause – gerissen,
  • in ein Auto oder Flugzeug verladen, das er möglicherweise noch nie gesehen hat
  • und landet in einer Umgebung mit neuen Menschen, neuen Hunden, neuem Klima, anderem Fressen und neuen, anderen Haustieren.

Der Hund ist quasi in einer Schockstarre und zeigt Angst- oder auch Aggressionsverhalten. Nur damit wir als Menschen es auch wirklich vorstellen können – ein kleines Gedanken-experiment:


  • ein Auto holt Euch ab ohne Vorankündigung Ihr werdet in den Flieger gesetzt 
  • und landet bei einer Affenhitze irgendwo in Afrika
  • Ihr werdet mit Auto weiter in ein kleines Dorf gebracht, wo Ihr ab jetzt leben werdet
  • Ihr habt keine Ahnung, wo das WC ist
  • Ihr habt keine Ahnung, was Euch da an Essen angeboten wird
  • die Menschen dort fassen Euch dauernd an und reden in einer unbekannten Sprache

Ich zeige in einer solchen Situation ganz sicher ein ausgeprägtes Angstverhalten - auch wenn ich im Vorleben fröhlich und aufgeschlossen war.

Was passiert da in unserem Gehirn und im Gehirn des Hundes? Man kann sich das Gehirn auch wie ein Straßennetz vorstellen. Überall verlaufen zwischen den Nervenzellen sogenannte Nervenwege. Je öfter die Wege genutzt werden, desto selbstverständlicher wird das damit verbundene Verhalten. Ein Hund aus einem Tierheim hat breite Straßen für die tägliche Fütterung oder den Gang zur Auslaufwiese. Es gibt auch eine breite Straße für die verschieden Pfleger und sogar einen Trampelpfad für den Tierarzt. Über alles, was dort im Tierheim passiert, gibt es  ein Netzwerk aus Informationen. Das gibt Sicherheit und der Hund ist  im Tierheim freundlich und auch aufgeschlossen.

Wird man nun  in eine komplett andere Umgebung versetzt, gibt es keine abrufbaren, nützlichen Informationen im Gehirn. Es gibt für den Hund kein Nervennetzwerk darüber, wie ein Haus von innen aussieht, über Frischfütterung oder dieses komische Behältnis mit einer Decke drin. Die alten Netzwerke nützen überhaupt nichts. Das Gehirn gibt Alarm, das limbische System startet und der Körper reagiert z.B. mit Angst und Stress. Heute weiß man aus der Gehirnforschung, dass genau diese langanhaltende Stressreaktion, das alte Netzwerk auflöst und Platz für neue Nervenwege und Verknüpfungen macht, aber das braucht ZEIT. Es funktioniert nicht von heute auf morgen.

So kann es sein, dass ein fröhlicher Hund plötzlich komplett verängstigt in seinem neuen zu Hause sitzt, ohne dass die Tierschützer schuld sind.

Und um es gleich vorweg zu nehmen – ich lese die Kommentare schon im Geiste – es gibt natürlich auch Hunde, die das locker wegstecken und keine Probleme haben! Aber eben nicht alle!

Für alle, die dieses Thema mehr interessiert und wie man dem Angsthund oder dem Tierschutzhund, der mit Angst reagiert, die Eingewöhnung erleichtert, gibt es am nächsten Dienstag ein Webinar zum Thema!

https://www.edudip.com/w/256384

 

Kommentare

  1. Genau so haben wir unseren adoptierten Benny aus dem Tierrettungsprogramm erlebt.
    Machte sehr betroffen. Viel, viel Geduld und nicht überfordern.
    Mit gebrochenen Rippen und Schrotkugel im Vorderlauf und viel Angst vor Männern.
    Heute ein wundervoller, anhänglicher verschmuster Hund.
    So viel Vertrauen in seine Menschen ,inzwischen auch große Liebe Herrchen !!
    Aber das Schreckhafte,plötzliche Panikattacken kann immer wieder passieren.
    Aber keinen Tag bereut.
    Autofahrer gelernt, war so schlimm.
    Nun tiefenentspannt.
    Würde es wieder machen !!

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    1. Es ist schon sehr besonders, wie die Hunde wieder vertrauen können. Das schaffen wir Menschen wahrscheinlich nicht!

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    2. Deine Beiträge sind so wertvoll und geben mir immer wieder neuen Mut. Vielen vielen Dank dafür!

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